
Viele Einsteiger glauben, dass sie für gute Porträts sofort ein teures Fotostudio mit riesigen Softboxen und extrem kostspieligem Equipment brauchen. Das ist gar nicht notwendig. Du brauchst für den Anfang keine Blitze oder teure Lampen.
Wenn du mit der Porträtfotografie startest, ist das Fenster deine kostenlose “Softbox” und wichtigste Lichtquelle.
Fensterausrichtung
Es kommt dabei stark darauf an, in welche Himmelsrichtung dein Fenster zeigt, denn das bestimmt den Look deiner Fotos.
- Das Nordfenster (Der Klassiker): Früher haben Maler fast nur bei Nordlicht gearbeitet, und das solltest du auch probieren. Da hier nie die pralle Sonne reinknallt, hast du den ganzen Tag über ein sehr weiches, gleichmäßiges Licht. Es umschmeichelt das Gesicht deiner Models und ist perfekt für einen sanften Look.
- Ost- und Westfenster (Die Dramatischen): Hier hast du entweder morgens (Osten) oder nachmittags (Westen) die Sonne direkt im Fenster. Das Licht fällt dann flach und kräftig in den Raum. Das sorgt für harte Schatten und hohe Kontraste – super, wenn du mit Licht und Schatten spielen willst.
- Das Südfenster (Die Herausforderung): Im Sommer kann es hier oft zu hell und „grell“ werden. Das Licht ist dann sehr hart, was Anfängern die Belichtung erschweren kann.
Mein Tipp für dich: Starte an einem Nordfenster, um ein Gefühl für schmeichelndes Licht zu bekommen. Wenn du mutiger wirst, nutze die tiefstehende Sonne am Morgen oder späten Nachmittag für dramatische Effekte mit stärkerem Kontrast!
Kameraequipment
Grundsätzlich kannst du mit jeder modernen Kamera Fenster-Portraits machen, doch drei Faktoren machen dir das Leben leichter
- Großer Sensor: Vollformat-Kameras mit großem Sensor sind der Goldstandard. Sie bieten ein besseres Rauschverhalten und ermöglichen eine geringere Tiefenschärfe (den unscharfen Hintergrund).
- Lichtstarkes Objektiv: Für den begehrten „Bokeh-Effekt“ (unscharfer Hintergrund) benötigst du eine große Offenblende, idealerweise f/1.8 oder f/1.4. Falls du kein spezielles Portrait-Objektiv besitzt, sondern ein klassisches Zoom-Objetiv (z.B. f/3.5-6.3) dein Eigen nennst, dann mache dir keine Sorgen. Auch damit lassen sich schöne Portraits erzielen, lediglich die Freistellung des Motivs wird geringer ausfallen. Grundsätzlich gilt: Je kleiner die Blendenzahl, desto besser lässt sich dein Motiv vom Hintergrund separieren. Perfekt, um störende Elemente in Unschärfe verschwinden zu lassen.
- Hohe Brennweite: Brennweiten zwischen 85mm und 105mm sind für Porträtaufnahmen besonders beliebt. Dieser Brennweitenbereich sorgt für eine schmeichelhafte Kompression des Gesichts, wodurch Nase und Ohren sehr natürlich wirken. Alternativ ist ein 50mm-Objektiv ideal, wenn du etwas mehr von der Umgebung oder dem Oberkörper zeigen möchtest. Weitwinkel-Objektive sind nicht zu empfehlen, da es dabei zu unschönen Verzerrungen im Gesicht deines Models kommt.
Kameraeinstellungen
Starte mit folgenden Einstellungen
- Modus M
- ISO 400
- Blende f/2.8-f/4.0
- Belichtungszeit 1/80s-1/125s
- Bildstil s/w oder monochrom
- RAW + JPG
Falls die Belichtung nicht passt, variiere ISO, Blende und Belichtungszeit. Bedenke, dass ein höherer ISO-Wert zu Bildrauschen führen kann. Moderne Kameras liefern jedoch auch bis ISO 3200 gute Ergebnisse. Öffnest du die Blende z.B. auf f/1.8, um mehr Licht auf den Kamerasensor zu lassen, verkleinerst du damit automatisch auch den Schärfebereich und kannst dein Model freistellen (unscharfer Hintergrund). Bezüglich der Belichtungszeit solltest du nicht länger als 1/60s einstellen, da du sonst Gefahr läufst deine Aufnahmen zu verwackeln.
Stelle nun den Bildstil in deiner Kamera auf schwarz-weiss oder monochrom um und nutze die Aufzeichnungsmethode RAW + feine JPG. Mit diesen Einstellungen werden gleichzeitig JPG-Dateien in schwarz weiß und RAW-Dateien in Farbe erstellt, die du später auch noch aufwändiger bearbeiten könntest.
Lichtsituation
Wir alle lieben die Sonne. Für ein schönes Fenster-Portrait eignet sich jedoch eher ein bewölkter Himmel. Wolken lassen das Licht der Sonne weicher wirken. Man spricht in diesem Fall auch von diffusem Licht oder Beautylicht, welches perfekt für Portraits geeignet ist. Es schmeichelt deinem Model, da weiches und indirektes Licht alle Falten und Hautunregelmäßigkeiten reduziert.
Beachte: Ein großes Fenster ist von Vorteil, denn je größer die Lichtquelle, desto weicher das Licht.
Diffusor
Wie bereits erwähnt, fungieren Wolken als Diffusor. Darüber hinaus kannst du weiße und lichtdurchlässige Gardinen verwenden, um das Licht noch weicher werden zu lassen. Verwende keine farbigen Gardinen, wenn du Farb-Portraits fotografieren möchtest, da bunte Gardinen oft einen unschönen Farbstich auf der Haut deines Models verursachen.
Gardinen streuen das Licht und ermöglichen einen sanften Übergang von hell zu dunkel.

Location und Positionierung
Wähle am besten einen Raum mit zwei Fenstern und einer weißen Wand als Hintergrund. Die freie Hintergrundfläche sollte für Hochformatbilder mindestens 1 Meter breit sein. Für Querformatbilder benötigst du mehr Platz, eher 2 Meter Breite. Im Einzelfall musst du eine Kommode verschieben oder Wandbilder abhängen, um mehr Platz zu schaffen. Dies lässt sich in der Regel vor dem Shooting mit wenigen Handgriffen bewerkstelligen
Positionierung der Kamera
Wenn du Licht nutzt, das durch ein Fenster fällt, stellst du dich am besten so auf, dass sich das Fenster seitlich neben deinem Motiv befindet. Du und dein Motiv bilden also eine Linie parallel zur Fensterscheibe.

Positionierung des Models
Platziere dein Model direkt vor der Hintergrundwand und lasse es auf einer geraden Linie (X-Achse) langsam auf dich zulaufen. Dabei beobachtest du konzentriert, wie sich das Licht im Gesicht verändert. So kannst du die richtige Position herausfinden. Du wirst merken, dass es bereits dann spannend wird, wenn dein Model das Fenster noch gar nicht erreicht hat, sondern noch immer ein Stück der Zimmerwand neben sich hat.


Model steht neben dem Fenster

Model steht im Grenzbereich

Model steht an der Rückwand
Fensterabstand anpassen
Ist die Ausleuchtung im Gesicht zu dunkel, dann bitte dein Model ein paar Zentimeter näher ans Fenster zu gehen. Ist das Gesicht zu hell, dann vergrößere den Abstand zwischen Fenster und Model. So kannst du die Helligkeit im Gesicht steuern (Y-Achse), ohne Kameraeinstellungen ändern zu müssen.


Abstand ca. 50cm

Abstand ca. 1 Meter

Abstand ca. 1,5 Meter
Hintergrundhelligkeit
Jetzt kommt der Vorteil von zwei Fenstern ins Spiel. Willst du helle, freundliche Portraits fotografieren, dann nutze beide Fenster als Lichtquelle für eine maximale Lichtausbeute.


Hast du eher dunklere, dramatischere Portraits im Sinn, dann benutze nur das Fenster als Lichtquelle, welches am weitesten von deinem weißen Hintergrund entfernt ist. Dort platzierst du dein Model. Das andere Fenster verdunkelst du, indem du den Rollladen herunter lässt oder die Vorhänge zuziehst. Ist beides nicht vorhanden, dann hänge das Fenster mit einem schwarzen Tuch ab.


Posing und Bildgestaltung
Posing
Stell dein Model leicht schräg in Richtung Fenster, etwa in einem 45-Grad-Winkel. So fällt das Licht von der Seite auf das Gesicht. Das erzeugt sanfte Schatten, die dem Gesicht Tiefe geben und es dreidimensionaler wirken lassen. Darüber hinaus entsteht ein kleines Licht-Dreieck unter dem Auge, welches zur Raummitte zeigt. Man spricht von dem sogenannten Rembrandt-Licht.
Du kannst dein Model auch mit dem Oberkörper frontal zum Fenster platzieren, damit es abwechslungsreicher wird. Bei dieser Position empfiehlt sich der Blick aus dem Fenster oder eine leichte Rotation des Kopfes, da sonst Falten am Hals entstehen, wenn der Kopf stärker in Richtung Kamera gedreht wird. Zusätzlich kann es bei seitlichen Posen vorkommen, dass die vordere Schulter, welche sich am nächsten zur Kamera befindet, zu massig wirkt. Teilweise ist die Position auch zu hoch und verschluckt den Hals deines Models. Das ist aber kein großes Problem. Bitte dein Model darum, sich leicht vorzubeugen und die vordere Schulter abzusenken. Das wirkt harmonischer.
Steht dein Model dir frontal gegenüber, also in einer 90-Grad-Position zum Fenster, dann ergibt dies ein sogenanntes Split-Light. Hier wird das Gesicht deines Models exakt in zwei Hälften unterteilt. Eine Seite liegt im hellen Licht, während die andere Seite komplett im Schatten bleibt. Dies führt zu einem dramatischen Look.
Kopfhaltung
Am Besten probiert dein Model verschiedene Kopfpositionen aus. Dafür den Kopf in kleinen Schritten drehen. Bitte dein Model in der jeweiligen Pose zu bleiben, damit du ein Foto machen kannst. Manchmal kann eine Kopfdrehung um ein paar Grad den gewissen Unterschied machen. Kontrolliere auch nochmals die Position des Oberkörpers. Gelegentlich kann es Sinn machen, auch hier die Position durch eine leichte Rotation erneut anzupassen.
Blickrichtung
Hier ist Varianz gefragt. Lass dein Model interessiert oder verträumt zum Fenster hinausschauen. Der Blick kann auch in die Ferne gehen. Dazu das Kinn ein paar Millimeter anheben. Danach lässt du dein Model direkt in die Kamera schauen. Ein fokussierter Blick hat eine intensive Bildwirkung. Du kannst dein Model auch ein paar Zentimeter an der Kamera vorbeischauen lassen oder bittest es den Kopf zu senken, um Nachdenklichkeit und Melancholie zu symbolisieren. Ein Blick über die Schulter wirkt oft so, als würde der Betrachter die Person in einem privaten Moment „ertappen“ oder begleiten. Es entsteht eine persönliche Verbindung, da das Model sich dem Betrachter aktiv zuwendet.



Set-Variationen
Erstelle unterschiedliche Sets. Lass dein Model zu erst lachen oder schmunzeln. Ein Lächeln wirkt einladend und charmant. Variiere dabei auch zwischen Zahnpasta-Lächeln und geschlossenen Lippen. Probiere danach eine andere Stimmung zu erzeugen. Ein ernster Blick kann Distanz oder eine gewisse Schwere ausdrücken.
Denke auch daran, deine eigene Position immer wieder samt Kamera zu verändern. Stelle dich ein paar Zentimeter nach links, danach mal ein paar Zentimeter nach rechts. Verändere auch den Winkel bzw. die Höhe deiner Kamera. Probiere Positionen auf Augenhöhe, leicht unter Kinnhöhe oder leicht über Kopfhöhe aus. So kannst du Personen größer und präsenter oder auch etwas kleiner und verspielter darstellen.
Variiere immer wieder deinen Abstand zum Model, um von Oberkörper-Portraits zu Gesichts-Close-Ups zu wechseln. Wechsle dabei auch vom Hochformat zum Querformat, um unterschiedliche Bildausschnitte und Motive zu fotografieren.






Letzte Tipps
Sitzende Position
Falls das Fenster nicht hoch genug ist und zu wenig Lichtglanz auf die Haare deines Models wirft, kannst du dein Model auch auf einem Hocker, umgedrehten Stuhl mit Lehne nach vorne oder sogar direkt auf dem Boden platzieren. Die Bodenposition funktioniert dabei nur dann, wenn das Fenster bis zum Boden reicht. Denke daran, dass du ebenfalls deine Position verändern musst. Fotografiere im Knien oder Sitzen, um wieder auf dieselbe Ebene wie dein Modell zu kommen.
Musikalische Atmosphäre
Hier ein Tipp für dich, um eine lockere oder entspannte Atmosphäre herzustellen. Mit etwas Musik im Hintergrund fühlt sich alles leichter an. Mache es deinem Model so gemütlich wie möglich.
Bildkontrolle
Schau dir im Anschluss die verschiedenen Fotos hintereinander auf dem Kameradisplay an. Vergleiche die Körperhaltung und vor allem die Ausleuchtung des Gesichts. Nimm Anpassungen vor und erstelle erneut eine weitere Bilderreihe in verschiedenen Positionen.
Am Ende eines solchen Fensterlicht-Shootings solltest du mindestens 30-50 Bilder kreiert haben, um eine schöne Auswahl an unterschiedlichen Perspektiven und Motiven zeigen zu können.